„Wer zuviel nachdenkt, fährt gar nicht erst los“

Im Frühjahr 2013 begaben sich Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier auf Reisen. Ziel: einmal um die Welt. Weg: immer Richtung Osten. Dauer: unbestimmt. Art der Fortbewegung: zu Fuß oder trampen. Fliegen ausgeschlossen. Am Ende war das Paar fast dreieinhalb Jahre unterwegs, erkundete Länder wie Tadschikistan, Georgien, Iran, Pakistan, China, die Mongolei und Japan, von wo es per Frachter nach Mexiko ging, wo ihr Sohn Bruno geboren wurde. Nach Erkundungen in Mittelamerika und Guatemala ging es dann mit dem Schiff nach Barcelona. Den Weg von dort in ihre Heimatstadt Freiburg absolvierten sie dann mit Kleinkind zu Fuß. Nach mehr als 100.000 zurückgelegten Kilometern ist die Strecke schließlich ein Klacks. Dass aus ihrem Tripp ein Film werden sollte, war eigentlich nicht geplant.

 

Patrick, gelernter Kameramann, wollte eigentlich nur eine Art Reisetagebuch in bewegten Bildern führen. Doch dann schnitten sie aus dem umfangreichen Material doch den Kinofilm „WEIT. Ein Weg um die Welt“, der inzwischen allein in Freiburg rund 25.000 Zuschauer gefunden hat. Dabei ist der ohne Drehbuch entstandene Film keine klasssiche Dokumentation, die Wissenswertes über Land und Leute erzählt, sondern er lebt in erster Linie von seinen beiden grundsympathischen Protagonisten und ihrer Offenheit, mit der sie Menschen auf ihrer Reise begegnen. Die Weltreise gibt es auch als Homepage und als aufwändig gemachtes Buch: „WEIT. Ein Reisemagazin“. Mit Gwendolin Weisser, genannt Gwen, und Patrick Allgaier sprach Reinhard Lüke am vergangenen Donnerstag im Odeon, wo der Film derzeit zu sehen ist.

Meine Südstadt: Wie seid ihr denn auf die Schnapsidee zu dieser Reise gekommen?
Patrick: Wir sind beide immer schon viel in der Welt herumgereist, bevor wir uns kennengelernt haben. Ich mit ein paar Kumpels im VW-Bus, Gwen ist viel getrampt. Und immer wenn es dem Ende entgegenging, hab ich mich gefragt, warum ich eigentlich zurückkehren soll. Für mich musste es einfach mal so kommen, dass ich für mehrere Jahre unterwegs bin.

Wie lange es von der ersten Plänen bis zum Start  gedauert?
Gwen: Im Prinzip ein Jahr. Ich hatte gerade mein Abi gemacht und wollte danach unbedingt für eine längere Zeit reisen. In der Zeit haben wir uns kennengelernt und da passten unsere beiden Pläne einfach gut zusammen. Bis wir dann los sind, hat es noch eine Zeit gedauert, in der wir beide viel gearbeitet haben, um das Geld für die Reisekasse zusammenzubekommen. Die letzten Monate vor dem Start haben wir dann mit konkreten Planungen und viel Papierkram zugebracht.

 



Ihr wart also seit einem Jahr ein Paar und seid dann mit der Perspektive aufgebrochen, über mehrere Jahre 24 Stunden am Tag aufeinander zu hocken. Mutig...
Patrick: Wir waren halt sehr verliebt...

Gwen: Wenn man es nicht versucht, weiß man ja nicht, ob´s beziehungsmäßig funktioniert. Wenn man vorher zuviel über solche Fragen nachdenkt, kommt man gar nicht erst los. Unter rationalen Gesichtspunkten spricht natürlich alles dagegen.

Ihr wollt mir aber nicht erzählen, dass es da zwischendurch nicht mal gekriselt hat...
Gwen: Natürlich haben wir uns zwischendurch auch mal gezofft, aber das war nie so arg, dass unsere Beziehung oder das gemeinsame Weiterreisen auf dem Spiel stand. In Indien war ich auch mal eine Woche allein unterwegs. Nicht, weil Patrick mich so genervt hätte, sondern ich hatte einfach das Bedürfnis, mal wieder als Einzelperson wahrgenommen zu werden.

Und in Irkutsk dann der positive Schwangerschaftstest. Im Film kommt das rüber, als hättet ihr daraufhin nicht wirklich über einen Abbruch der Reise nachgedacht.
Patrick: Haben wir auch nicht. Wir hatten den möglichen Fall vorher schonmal diskutiert und da waren wir uns beide einig, dass wir weitergehen würden. In Irkutsk waren wir ja schon zwei Jahre unterwegs und dieses Unterwegssein war längst Alltag geworden.

Gwen: Die Reise wegen der Schwangerschaft zu beenden, wäre mir wie eine unnatürliche Vollbremsung vorgekommen. Deshalb nach Haus zu fahren, hätte sich für mich angefühlt, wie meiner Mutter wieder unter den Rock zu kriechen.

Patrick: Wobei uns natürlich klar war, dass wir mit einem Baby nicht so weitermachen und trampen könnten, sondern so etwas wie ein Nest bräuchten. Weshalb wir uns dann in Mexiko den VW-Bus gekauft haben.

Wie sah euer Reisebudget aus?
P: Wir hatten uns vorgenommen, unterwegs pro Tag und Person mit fünf Euro auszukommen. Was auch ziemlich gut funktioniert hat. Zwischendurch haben wir aber auch immer wieder mal für Kost und Logis gearbeitet oder in der Mongolei tolle Steine gesammelt, die wir dann als Ketten in Tokio auf der Straße verkauft haben.

Gab es sowas wie eine exakte Routenplanung?
Patrick: Die gab es nur grob. Die Route war nicht zuletzt jahreszeitenabhängig. Da das Trampen im sibirischen Winter kein Spaß ist, haben wir uns während dieser Monate vorwiegend in warmen Ländern bewegt und sind im Sommer in den Norden gezogen. So ist diese auf den ersten Blick seltsam anmutende Zickzackroute entstanden.

Gwen: Wir hatten natürlich ein paar Länder, die wir unbedingt sehen wollten. So etwa Indien, Iran und Georgien. Aber die Route, die wir absolviert haben, hatte mit der, die wir uns ursprünglich vorgenommen hatten, nicht mehr viel Ähnlichkeit.

 



Im Film begegnet ihr ausschließlich netten Menschen, die euch mit offenen Armen empfangen. Habt ihr nirgendwo Arschlöcher getroffen?
Gwen: Natürlich gab es auch weniger nette Begegnungen und Situationen. Aber beim Sichten des Materials haben wir festgestellt, dass wir die so gut wie nie gefilmt hatten. Auf der anderen Seite waren diese Momente aber so selten, dass sie die Reise absolut nicht dominiert haben und deshalb im Film auch nicht wirklich fehlen. Wir sind während der gesamten dreieinhalb Jahre nie in wirklich brenzlige Situationen geraten.

Ihr seid ja nicht losgefahren, um einen Film zu drehen, sondern wolltet nur eine Art Reisetagebuch in bewegten Bilder führen. Wie ist dann daraus ein Kinofilm geworden?
Patrick: Wir hatten bei der Abreise nur eine Absprache mir den Badischen Zeitung, mehr oder minder regelmäßig in einem Video-Blog von der Tour zu berichten. Der Rest des Materials war eigentlich nur für uns, unsere Familien und Freunde bestimmt.

Gwen: Vielleicht schwebte uns vor, das noch ein bisschen zu bearbeiten und irgendwann ein kleines Kino anzumieten, um das Ganze im mehr oder minder privaten Kreis vorzuführen.

Wieviel Stunden habt ihr gedreht?
Patrick: Insgesamt hatten wird rund 500 Stunden Material, aber durch den Blog hatten wir unterwegs ja schon ein wenig vorsortiert, so dass ungefähr 100 Stunden übrig geblieben sind. Dann haben wir nach ersten Sichtungen soviel Zuspruch von außen erhalten, daraus doch einen `richtigen´ Film zu machen, dass wir über Crowdfunding Geld gesammelt haben. Und in achtmonatiger Arbeit am Schneidetisch ist dann daraus der Film in seiner jetzigen Form entstanden.

Bruno ist in absehbarer Zeit schulflichtig. Wollt ihr vorher nochmal länger weg, ohne an die Ferienordung gebunden zu sein?
Patrick: Auf jeden Fall! Mit dem Flieger für ein paar Wochen irgendwo hin zu jetten, wäre für uns beide keine Form des Reisens. Da würden wir lieber daheim bleiben. Aber wir würden gern unbedingt nochmal für ein halbes Jahr nach Georgien. Ich hoffe, wir schaffen das vor Schulbeginn.

 

Vielen Dank für das Gespräch!


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Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

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