Es gibt kein “Business as usual” in der Flüchtlingsarbeit. Das Grenzenlos-Festival 2017.

Ja, sie tun es wieder! Das „Grenzenlos-Festival“ startet in die zweite Runde. Am 17. September gibt es erneut reichlich Musik in der „Alteburg“ - ein Top-Act folgt dem nächsten: JP Weber, Zass, Richard Bargel, Talya, Scherbenmeer, Chanson Trottoir und viele mehr. Ein Festival für und mit den Geflüchteten. Die Musik ist Bindeglied zwischen den einzelnen Kulturen, denn sie bedarf keiner einheitlichen Sprache, so die Veranstalter im letzten Jahr.

Kinder und Geflüchtete haben freien Eintritt und werden über verschiedene Initiativen proaktiv eingeladen. Meine Südstadt hat sich mit den Organisatoren, stellvertretend für den Verein „Südstadt-Leben e.V.“, Claudia Austermann, Hans Mörtter und Günther Schuhbäck getroffen und über das Projekt gesprochen.

 

Meine Südstadt: Wie kam es zu der Idee wieder ein Musikfestival zu machen? Es war ja im letzten Jahr ein echter Kraftakt, was Ihr da auf die Beine gestellt hattet!

Günther Schuhbäck: „Wir hatten eigentlich geplant, dass Grenzenlos Festival alle zwei Jahre zu machen. Doch dann gab es eine Initiative von JP Weber, das unbedingt dieses Jahr wieder zu machen. 2016 ging die Initiative ja vom „Zusammenstab e.V.“ aus. In diesem Jahr fragte uns sogar die Alteburg von sich aus an, ob wir wieder ein Fest planen. Es lag also irgendwie in der Luft. Dennoch planen wir dann für die Zukunft im Zweijahresrhythmus.“

 

Meine Südstadt: Um den „Zusammenstab e.V.“ ist es relativ ruhig geworden?!

Claudia Austermann: „Den ‚Zusammenstab e.V.‘ als solchen gibt nicht mehr. Der Verein löst sich gerade auf und wird sich dem Verein ‚Südstadt-Leben‘ anschließen. Damit dann alle aktiven Mitlieder, die sich bisher im ‚Zusammenstab e.V.‘ engagiert haben, ihre Energien dorthin stecken können. Den ‚Zusammenstab‘ soll es in anderer Form weitergeben. Wir wollten die Kräfte zusammenführen und Synergien nutzen.“

 

Meine Südstadt: Was gibt es in diesem Jahr beim „Grenzenlos-Festival“? Was ist neu?

Günther Schuhbäck: „Es treten 2017 drei Bands auf, die beim letzten Mal dabei waren, ansonsten gibt es eine komplett neue Zusammenstellung. Richard Bargel ist nach dem Dreh von „Bunt statt bla“ auf uns zugekommen und hat sofort gesagt, dass er mitmachen will. Dave Zwieback, eine junge Kölsch-Rockband, hatte sich bei uns beworben. Dave Zwieback gewannen 2015 das „Loss mer singe Live Casting“. Wir mussten eigentlich gar nicht groß fragen, viele haben sich direkt bei uns gemeldet, weil sie unbedingt mitmachen wollen. Anders als im letzten Jahr haben wir jetzt insgesamt weniger Bands. Der Abend war 2016 echt lang, die letzte Band ist um 2:30 Uhr morgens aufgetreten. Jetzt haben wir daraus gelernt und zum Beispiel auch mehr Umbaupausen eingeplant. "Fake" machen wieder ein neues Bühnenbild. Die sind schon schwer damit zu Gange, wir erfahren das ja auch immer erst kurz vorher. Das wird immer eine positive Überraschung.“

 

Meine Südstadt: Was gibt es neben der Musik?

Claudia Austermann: „Vom großen Bühnenprogramm mal abgesehen, wird es z.B. Kinderschminken und einen Jongleur geben. Zauberer Jochen B wird vertrauensbildende Aktionen machen. Wir wollen ein Fest für und mit den geflüchteten Menschen verbringen. Zudem gibt es wieder einen Dolmetscher, damit die Gespräche ohne Sprachbarrieren stattfinden können. Wir hatten nach dem Fest im letzten Jahr sehr viele positive Rückmeldungen. Viele aus dem Hotel Mado waren da. Sie fühlten sich wie unter Freunden und konnten auch mit ihren Freunden kommen. Es ist ja nicht nur ein Fest für Sie, sondern auch mit ihnen.“

 

MeineSüdstadt: Was ist neben der Musik und dem Feiern noch Thema beim Festival?

Hans Mörtter: „Im Festival steht zwar die Musik im Vordergrund, aber wir wollen auch über die verschiedenen Aspekte der Flüchtlingsarbeit informieren. Wir sind noch lange nicht aus der Nummer raus. Unsere Bundesregierung verhindert Integration und wir fördern sie. Ich stehe quasi als Pate für die Flüchtlingsarbeit in der Südstadt. Denn, wenn alle Stricke reißen, sagen die Leute immer: geh doch zu Hans. Aktuell tut die Bundesregierung gerade alles daran, die AfD noch zu überholen. Schiebt unheimlich viele Menschen ab - dann sind wir mit unseren Leuten gefragt. Oft geht es um Abschiebungen. Das ist dann aufwändig, wir müssen Ärzte oder Rechtsanwälte einbeziehen. Klar müssen wir die auch bezahlen, auch wenn sie es billiger machen, aber es ist immerhin ihr Job. Ich kann zum Beispiel von zwei kleinen Kindern erzählen, sie sind 10 und 12 Jahre alt und sitzen in Karthum (Anm. der Red. Hauptstadt der Republik Sudan) fest und warten darauf, dass die Botschaft ihnen ihre Familienzusammenführung genehmigt. Die DNA-Analyse und alles andere Formale ist gemacht. Die Mutter der Kinder musste das alles selbst bezahlen und da helfen wir auch wo es geht. Doch kaum einer macht sich einen Kopf darum, dass diese Kinder schon seit letztem Sommer in Karthum sitzen, zwei kleine Kinder! Die Mutter konnte die Flucht der Kinder über die Grenze von Eritrea bezahlen und hat dort Kontaktleute, die sich um die Kinder kümmern. Aber auch das kostet wieder Geld für Miete oder Essen. Jetzt sitzen die Kinder dort über ein Jahr lang allein und die Mutter hier wird verrückt vor Sorge.“

 

Meine Südstadt: Nimmt das Interesse in der Gesellschaft an Flüchtlingsarbeit ab?

Hans Mörtter: „Nein, das ehrenamtliche Engagement ist weiterhin groß und da. Das Problem ist: es reicht bei weitem nicht aus. Wir brauchen noch viel mehr. Auch langfristige Unterstützung ist wichtig. Viele sagen, ich mache das jetzt mal für ein Jahr oder zwei. Damit die Leute hier überhaupt reinkommen, brauchen sie deutsche Freunde und auch solche, die nicht nach einem Jahr wieder verschwinden. Ich sehe da keine Ermüdungserscheinungen im ehrenamtlichen Engagement. Die Qualifizierung der Leute hat zugenommen. Das Wissen und Netzwerken nimmt immer mehr zu. Ich bin da eigentlich entspannter geworden. Das einzige was mir Sorgen macht, sind die vielen Abschiebungen. Deswegen gibt es auch vermehrt Kirchenasyl in Deutschland. Wir wollen mehr erfahren über die anderen, zusammenrücken und dann entwickeln sich neue Wege. Das überträgt sich dann auch auf das Grenzenlos Festival. Denn wir sagen nicht, jetzt haben wir mal etwas Tolles gemacht und alle haben gesehen, wie toll wir sind. Und das war es dann. Nein, Es gibt kein “Business as usual”. Und das wird auch so bleiben, es wird neue Flüchtlinge geben, auch wenn die vorher abgefangen werden. Die Themen werden nicht enden und auch nicht die Suche nach Lösungen."

 

Günther Schuhbäck: „Wir wollen mit dem Fest ein paar Impulse setzen, aber nicht große Reden schwingen. Es geht um Menschen und die Musik soll dabei verbinden. Im letzten Jahr waren ungefähr 100 Geflüchtete da und es gab einen richtig guten Austausch. Wir feiern, dass wir zusammengehören und geben nicht auf. Und wir bleiben dran.“

 

MS: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Das „Grenzenlos-Festival“ findet am Sonntag, 17. September 2017 (neuer Termin!) in der Alteburg (Alteburger Straße 139) statt. Einlass ist um 16 Uhr, der Beginn um 17 Uhr.

Karten für 15 Euro gibt es im Vorverkauf hier: Apotheke zum Goldenen Horn, Ubierschänke, Terrarium und bei uns in der Alteburg oder online

 

Der Erlös geht an die Geflüchtetenarbeit der Luther-Kirche, die mit ihrem Südstadt-Leben e.V. die neue Heimat des Zusammenstab ist. Finanziert werden direkte Hilfen, wie z.B. die Übernahme von Anwaltskosten oder Gentests bei Familienzusammenführungen.


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Antje Kosubek lebt seit über 20 Jahren in der Südstadt und kommt gebürtig aus der grünen Mitte Deutschlands. Ihre nicht zu...

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