Grusel, Geheimnisse und ganz viele Schnecken

Ein Schrei ertönt. Das Licht von Taschenlampen gleitet im Dunklen über Möbel. Es sind noch die altmodischen Möbel der Vormieter, die im Haus stehen. Eine Stehlampe, eine Standuhr, Kamin und Kommode. Hals über Kopf, so scheint es, wurde das Haus verlassen. Merkwürdig. Und merkwürdig auch, dass der Möbelwagen die Möbel der neuen Mieter auf der Straße abstellt und unvermittelt davonrast.

 

Familie Reitsch, die aus Chemnitz in ein oberbayrisches Dorf gezogen ist, wundert sich und muss die eigenen Möbel selbst in das Haus schleppen. In dem sich eine Geschichte entfaltet, die in den Bann zieht mit ihrem Grusel, ihren Geheimnissen und der Ungewissheit, was passieren wird. Ob die Horror-Szenarien, die der Kopf des Zuschauers produziert, tatsächlich wahr werden oder ob die Geschichte doch noch ein gutes Ende nehmen wird. Im Comedia-Theater feierte das Jugendtheater-Stück „Das schaurige Haus“ nach dem Roman von Martina Wildner seine Uraufführung.
Mit ihren Söhnen Hendrik (David Gruschka) und Eddi wohnen Vater (Kai Niggemann)  und Mutter (Nina Krücken) Reitsch nun in Oberbayern und es dauert nicht lange, bis der Schrecken seinen Anfang nimmt. Dass die Dorfgemeinschaft sie als Fremde und Eindringlinge betrachtet, bekommen sie schnell zu spüren.

 

Insbesondere Hendrik, der ältere Bruder, aus dessen Perspektive das Geschehen größtenteils erzählt wird. Er wird in der Schule zur Zielscheibe seines Klassenkameraden Chris, der ihn mobbt, wo er nur kann. Dafür lernt er Ida kennen, die ihn mag und rasch seine Freundin wird. Und doch: über allem, was passiert, liegt eine düstere, bedrohliche Stimmung. Es muss an dem alten Haus liegen, von dem die Dorfbewohner raunen, dass es verwunschen ist und niemand es lange dort aushält. In dem die Vergangenheit mit Händen zu greifen ist. An der Standuhr, der Stehlampe. Einen Platz für sich kann die Familie hier nicht finden, das Haus ist zu sehr vom Dorf und seinen Vormietern besetzt. Unwillkürlich denkt man an „Shining“, den Film mit Jack Nickolson, in dem Nicholson mit Frau und Sohn in ein abgelegenes Haus zieht, in dem er wahnsinnig wird und Frau und Kind umbringen will.

 

Wie überhaupt alle und alles bedrohlich wirkt. / Foto: Roman Starke


Tatsächlich ereignen sich bald seltsame Dinge. Eddi hat Alpträume, fängt Schnecken und malt mit ihnen Buchstaben an die Wand. Er entdeckt ein geheimnisvolles, altes Buch, aus dem die Mutter ein Rezept für ein Pilzgericht übersetzt. Hendrik findet heraus, dass dreißig Jahre zuvor eine Frau Schneckmann in dem Haus gewohnt hat, in dem sie ihre beiden Söhne mit einem Pilzgericht vergiftet hat. Das Stück und auch die Inszenierung spielt gekonnt mit der Vorstellung, dass sich das Verbrechen von vor dreißig Jahren wiederholen wird. Die Mutter macht nicht mehr den Eindruck einer fürsorglich-liebenden Mutter, sie wirkt wie eine potentielle Bedrohung und zukünftige Mörderin ihrer Söhne. Jedenfalls scheint alles darauf hinzudeuten. Wie überhaupt alle und alles bedrohlich wirkt. Selbst Ida, von der sich herausstellt, dass sie perfekt mit einer Kalaschnikow umgehen und schießen kann. „Alle im Dorf können schießen!“  Ob das wohl der richtige Ort ist, um mit seinen Kindern dort zu leben? Noch dazu in unmittelbarer Nähe zum Friedhof, auf dem die ermordeten Kinder begraben liegen.

 

Die Spannung ist kaum auszuhalten und wird wirkungsvoll in Szene gesetzt. Durch Hendriks Augen blicken wir in eine Welt, die Fremde – und wenn sie nur aus Sachsen nach Bayern gekommen sind – nicht in ihre Gemeinschaft lässt, sondern ausgrenzt. Sie einschüchtert und bedroht und Ängste auslöst. Bis hin zur Todesangst. Denn die Situation scheint unaufhaltsam auf den größten Alptraum zuzusteuern, den man sich vorstellen kann: Mord der Mutter an den eigenen Kindern. Als die Mutter schließlich ihr Pilzgericht serviert, hört Hendrik gerade Kassetten ab, auf denen eines der ermordeten Kinder von dem Gift im Essen berichtet. Und nun: wird sich die Geschichte wiederholen, wird seine scheinbar wahnsinnig gewordene Mutter ihn und seinen Bruder töten? Oder gibt es doch ein Entrinnen, muss sich das Schicksal nicht wiederholen? Des Rätsels Lösung sei nicht verraten, nur so viel: sie kommt sehr überraschend, ist aber schlüssig und offenbart auch etwas über Dynamiken in einer Dorfgemeinschaft. In der jeder jeden kennt, alles über ihn weiß und in der man dennoch zusammenhält. Vor allem: gegen die Fremden.

 

Nachvollziehen, wie die Mechanismen der Angst funktionieren. / Foto: Roman Starke


Wer sich gerne auf Grusel einlässt, auch Freude daran hat, Geheimnissen auf die Spur zu kommen, der kommt hier voll auf seine Kosten. Und kann gut nachvollziehen, wie die Mechanismen der Angst funktionieren. Weil das Geschehen vor aller Augen abläuft. Die schnellen Rollenwechsel: alle Rollen werden von nur drei Darstellern verkörpert. Beim Antrittsbesuch bei einer alten Nachbarin schlüpfen Hendrik und die Mutter blitzschnell in die Rolle der alten, hageren Frau und wechseln wieder zurück.

 

Nina Krücken als Mutter braucht nur eine Brille, um die Figur von Ida darzustellen, eine Stoffmütze, um in die Rolle des aggressiven Chris zu schlüpfen. Mütze auf, Mütze ab, die Inszenierung hat Tempo. Mal ist man Freund, mal ist man Feind. Wer als Nächster um die Ecke kommt, ist ebenso ungewiss wie die Antwort auf die Frage, was als Nächstes passieren wird. Das wird noch unterstrichen und verstärkt durch die musikalischen Kompositionen von Kai Niggemann, der die Aufführung in eine gruselig-schaurige Atmosphäre bettet. Und durch das Bühnenbild von Fatima Sonntag, mit ihren „Relikten“ aus der Vergangenheit.


Die Inszenierung unter der Regie von Catharina Fillers ist fesselnd und spannend bis zur letzten Minute. David Gruschka, Nina Krücken und Kai Niggemann vom echtzeit-theater aus Münster nehmen mit auf eine theatralische „Geisterbahnfahrt“ par excellence. Das Publikum dankte es ihnen mit begeistertem Applaus.

 


„Das schaurige Haus“ nach dem Roman von Martina Wildner
Regie: Catharina Fillers
Mit: David Gruschka, Nina Krücken, Kai Niggemann
Comedia-Theater, Vondelstr. 4 – 8, 50677 Köln
Weitere Termine: 7., 8., 26., 27. November 2017
 


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Die Autorin, eigentlich waschechte Ruhrpöttlerin, fühlt sich seit vielen Jahren in der Südstadt zu Hause. Nach ihrem Studium der...

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