"Ich bin für Rache zu bequem"

Der Österreicher Josef Hader gehört seit Jahrzehnten zu den Stars des deutschsprachigen Kabaretts. Seit 1988 steht er aber auch immer wieder als Schauspieler vor der Kamera. In jüngerer Zeit verkörperte u.a. den Schriftsteller Stefan Zweig in Maria Schraders „Vor der Morgenröte“. Zu großer Popularität gelangte der 55jährige vor allem durch seine Rolle des abgehalfterten Privatdetektivs Simon Brenner in den Verfilmungen der Krimis von Wolf Haas. Mit „Wilde Maus“ kommt nun ein Film in die Kinos, bei dem Hader nicht nur als Autor und Hauptdarsteller in Erscheinung tritt, sondern erstmals auch Regie geführt hat. Eine Tragikomödie um den renommierten Wiener Musikkritiker Georg, dem der neue (deutsche!) Chefredakteur von heute auf morgen den Stuhl vor die Tür setzt. Der Feingeist mit Vorliebe für Bruckner ist konsterniert, erzählt seiner Frau nichts von seiner Misere, treibt sich tagsüber im Prater herum und schmiedet Rachepläne. Doch deren Umsetzung will ihm so wenig gelingen wie der Rest des Lebens. Mit Josef Hader sprach Reinhard Lüke am letzten Samstag im Odeon, wo ab heute auch „Wilde Maus“ läuft.

 

Meine Südstadt: Ab welcher Minute des Drehs im Schnee haben Sie bereut, die Szene geschrieben zu haben?

Josef Hader: Der Dreh war kein Problem. Im Gegenteil. Da es über Nacht viel geschneit hatte, standen wir plötzlich in dieser wunderbaren Postkarten-Landschaft. Ich musste das Drehbuch deshalb zwar ein wenig ändern, aber ich war zu dem Zeitpunkt sehr entspannt, da es die letzten Drehtage waren und es bis dahin gut gelaufen war.

 

Aber kalt muss Ihnen, mehr oder minder nackt im Schnee, doch trotzdem gewesen sein...

Nicht so arg. Die Takes waren ja relativ kurz und der Bus zum Aufwärmen stand praktisch hinter der Kamera, der war mir einem Gasbrenner auf Saunatemperatur aufgeheizt worden. Das war eher eine Art verschärfte Wellness. Und schauspielerisch haben mir die Szenen ja auch nicht sonderlich viel abverlangt. Du spielst einen, der friert und wegwill – da muss man sich nicht groß verstellen.

 

Sie sind neben dem Kabarett seit vielen Jahren als Filmschauspieler und Autor unterwegs. Seit wann hatten Sie den Wunsch, auch mal Regie zu führen?

Eigentlich seit vielen Jahren, aber ich hab´ mich nie getraut. Aber nun hatte ich ein Drehbuch mal ganz allein geschrieben und dachte mir: wann, wenn nicht jetzt? Zumal ich ja eigentlich nichts zu verlieren hatte. Wenn ich das Ding komplett in den Sand gesetzt hätte, wäre mir ja noch immer mein Hauptberuf als Kabarettist geblieben. Zumindest hab´ ich mir das so eingeredet.

 

Der Entschluss resultierte also nicht aus einer Unzufriedenheit mit jenen Regisseuren, mit denen Sie bis dato gearbeitet hatten?

Im Gegenteil. Ich verdanke denen sehr viel. Ein Mann wie Wolfgang Murnberger, Regisseur der „Brenner“-Filme, hat mich immer viel mitmachen lassen. Das begann mit der Arbeit am Drehbuch, ging über die Motivauswahl bis zur Arbeit im Schneideraum. Da er von meinen Ambitionen wusste, hat er mich bei der letzten Produktion ein wenig wie einen Auszubildenden durchgeschleppt. Insofern wusste ich durchaus, auf was ich mich mit einem eigenen Film einlassen würde.

 

 

Warum haben Sie einen Musikkritiker als tragischen Helden gewählt?

Weil ich dadurch die Klassische Musik zwanglos in den Film schmuggeln konnte. Ich wollte keinen durchkomponierten Soundtrack, weil ich solche kalkulierten Gefühlsverstärker auch als Zuschauer nicht so mag. Andererseits wollte ich schon eine Musik, die an bestimmten Eckpunkten der Geschichte den Leuten den Scheitel zieht. Das geht mit Klassik, man muss nur das Richtige aussuchen.

 

Im Eingangsdialog sinniert Georgs Nachfolgerin über die Affinitäten von Bruckner, den White Stripes und Jack White. Wenn wir Jack White mal ausnehmen, wo liegt Ihr Musikgemack? Eher Bruckner oder White Stripes?

Weder noch. Bei Georgs Ahnungslosigkeit über Jack White geht’s in erster Line darum, zu zeigen, wie sehr der Mann aus der Zeit gefallen ist und in seiner eigenen Welt lebt.

 

Gab es für den Japaner, der nach einer Kritik Georgs seinen Job im Orchester verloren hat und nun dessen Auto mit einer Bratpfanne traktiert, womöglich ein reales Vorbild?

Nein. Ich wollte in diesem Racheszenario nur gern einen Asiaten dabei haben, weil ich ein Faible für asiatische Rache - Filme wie „Oldboy“ habe. Und so eine Art Ninja-Krieger mit Bratpfanne schien mir da ganz passend.

 

Verglichen mit Brenner bleibt Georg lange körperlich unversehrt...

Er ist halt ein Musikjournalist, der sich mit Gewalt allenfalls theoretisch auskennt. Weshalb er ja mit seinen Versuchen, sie auszuüben, kläglich scheitert. Er betreibt zwar einen großen Aufwand, aber letztlich haben seine Rache-Aktionen, wie ein Polizist sagt, doch eher etwas von einem Kindergeburtstag.

 

Wieviel steckt darin von einem potentiellen Rächer Josef Hader?

Sehr viel. Ich hab´ mir beim Schreiben immer überlegt, wie ich mich in solch einer Situation verhalten würde. Und ich bin mir sicher, ich würde meinen Rachefeldzug ebenso feig und hasenartig ausführen. Ich bin aber Gott sei Dank viel zu bequem für Rache.

 

 

Hatten Sie Mitspracherecht beim Casting?

Natürlich. In Österreich hat ein Regisseur praktisch jedes Recht der Mitsprache. Was ein wohltuender Unterschied zum deutschen Film ist, wo Fernsehredakteure auch bei Kinofilmen, wenn sie mit Fernsehgeldern koproduziert sind, überall mitreden dürfen. Zwar steckt auch in meinem Film Geld vom ORF, der sich jedoch bei künstlerischen Entscheidungen komplett raushalten musste.

 

Wie sind Sie auf den Kölner Dennis Moschitto gekommen?

Ich hatte Dennis in Thomas Roths „Brand“ gesehen, da spielt er einen sehr vielschichtigen Charakter. Gleichzeitig kannte ich ihn auch aus Komödien wie „Rubbeldiekatz“. Er spielt die Figur des „Sebastian“ mit größter Ernsthaftigkeit, was die Vorraussetzung für umwerfende Komik ist.

 

Was macht das Kabarett?

Das ist in den drei Jahren der Arbeit am Film etwas ins Hintertreffen geraten. Derzeit bin ich noch mit mit meinem Programm „Hader spielt Hader“ unterwegs...

 

Aber fast fast nur noch in Österreich und in Süddeutschland...

Ja, aber das wird sich wieder ändern, sobald ich ein neues Programm geschrieben habe. Wie schnell das gehen wird, weiß ich aber noch nicht.

 

Sie haben also nicht vor, sich wie Kollegen wie Georg Schramm oder Volker Pispers schleichend aufs Altenteil zurückzuziehen?

Das werde ich nie machen. Ich empfinde es nach wie vor als großes Glück, dass ich arbeiten darf, bis ich umfalle, aber dabei selbst bestimmen kann, wann, wo und wie viel ich arbeite. Ein größeres Privileg kann ich mir kaum vorstellen.

 

Herr Hader, herzlichen Dank für das Gespräch.

 


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Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

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