Der lange Atem der Familiengeschichte

Nora Hespers klingt ganz offen und erzählt gleich drauflos: über Theo Hespers, ihren Großvater, einen nach Holland geflüchteten katholischen Widerstandskämpfer währen der NS-Zeit. Über seinen Sohn, ihren Vater, und was sie im Verhältnis zu ihm prägte. Und auch über ihre Beschäftigung damit, wie sich diese Kriegs-Erlebnisse und deren Auswirkungen „vererben“, über mehrere Generationen hinweg.
„Ich bin eigentlich das Nachkriegskind, nur einfach zwanzig Jahre zu spät geboren“ sagt die knapp vierzigjährige Kölner Sportjournalistin.

Mit ihrem Vater Dirk Hespers, jenem traumatisierten Kriegsflüchtling, über den Nora Hespers auch in einem Blog schreibt, steht sie beim Edelweißpiratenfestival nachmittags schon auf der Bühne und berichtet dem Publikum aus ihrer Familiengeschichte. Dazu gibt ihr 86jähriger Vater ein paar Lieder aus der Widerstandsbewegung zum Besten, „Mein Vater wird gesucht“ ist eines davon. Ein „Runterzieher“, empfindet Nora Hespers, nach dem man erstmal wieder die Stimmung hochfahren muss. Später dann begleitet sie den Vater noch zu seinem Auftritt gemeinsam mit Herbert „Flönz“ Schmidt an der Quetsch.

 

Nachdem Dirk Hespers, Jg. 1931, im Alter von zwei Jahren mit Vater und Mutter aus Deutschland fliehen musste, weil die Nazis seinen Vater verfolgten, lebte er zehn Jahre lang auf der Flucht in den Niederlanden und Belgien, erlitt bitterste Not, wurde unter Trümmern verschüttet und schließlich wieder in seine „Heimatstadt“ Mönchengladbach geschickt, nachdem sein Vater von NS-Schergen ergriffen und in Berlin ermordet worden war. Nach dem Krieg wurde Dirk Hespers u.a. Lehrer und Liedermacher, besonders verbunden war er der bündischen Szene und deren Liedgut, beim Edelweißpiratenfestival ist er Stammgast, auch im Zeitzeugen-Café.

 



Meine Südstadt: Du sagst von Dir, Du habest keinen Vater in dem Sinne gehabt, es sei nie selbstverständlich diese klassische Vater-Tochter-Liebe gewesen –Ihr steht trotzdem zusammen auf der Bühne!
Nora Hespers Ich bin ausgesöhnt mit meinem Vater, da hat auch das Schreiben und die Auseinandersetzung mit zu beigetragen. Ich habe heute einen Umgang mit ihm gefunden, da ist keine Wut. Als Kind war das anders, da waren auch viele für mich peinliche Sachen, zum Beispiel wenn er mir kein Taschengeld gewährte, sondern mich aufforderte, doch Flaschen zu sammeln – für ihn ganz normal in seinen Wertvorstellungen, denn er hatte sich auch mit Ähnlichem das nackte Überleben gesichert.

Warum heißt Dein Blog über den Widerstandskämpfer Theo Hespers und seine Nachfahren „Die Anachronistin“? Das klingt irgendwie so „aus der Zeit gefallen“ oder eben in einer anderen Zeit mal aktuell.
Ja, ich fühle mich auch ein bisschen aus der Zeit gefallen, ich bin ganz stark von etwas beeinflusst, was lange vor meiner Zeit war. Den Vater, so wie ich ihn mir als Kind gewünscht habe, hat mir ein Krieg genommen, der 33 Jahre vor meiner Geburt zu Ende ging. Und es steckt auch Chronistin drin und als solche begreife ich mich, bezogen auf meine Familiengeschichte.

Was hat Dich bewogen, Dich so mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und das auch zu publizieren?
Ich habe mich immer gefragt, warum mein Vater nicht so ist, wie ich mir einen Papa vorstelle, warum mir diese Liebe, dieses Kümmern fehlen. Besonders als Kind, wo man sich das ja einfach nicht erklären kann. Und ich habe durch seine Geschichten und meine Nachforschungen gemerkt: Er hatte kein Vorbild für´s Vatersein, ihm hat ja auch der Vater gefehlt. Zuerst, weil dieser für seine politische Arbeit, das Naziregime zu bekämpfen, viel unterwegs war, dann auf der Flucht und schlussendlich tot, als mein Vater selbst noch -ein vom Krieg traumatisiertes- Kind war. Ich habe mich auch immer gefragt, woher meine Ängste und meine Panik kommen, etwa wenn ich als Sportreporterin öffentlich spreche oder wenn ich überhaupt klare Statements abgebe, zum Beispiel gegen Rassismus und so – dann hat mich die Angst fast fertig gemacht, auch heute ist da noch was von da. Und das kommt aus der Vergangenheit, habe ich irgendwann begriffen, und ist „mit dem langen Atem dieser Familiengeschichte zu mir herübergeweht“.

Du nennst Dich selbst ein Nachkriegskind, der Begriff wird gewöhnlich auf in den späten 40ern oder 50ern Geborene verwandt – bist Du nicht zu jung dafür?
Schon, was mein Aufwachsen oder Jungsein in den 80ern und 90ern betrifft. Doch ich bin Tochter von jemandem, der den Krieg ganz massiv selbst durchlitten hat, wenn auch nicht an der Front, sondern als Kleinkind und Heranwachsender. Der die traumatisierenden Erlebnisse -immer auf der Flucht, nachts in Holland an Türen klopfend und um Unterkunft bittend, bei Bombenangriffen unter Trümmern begraben, Zeuge vom Tod naher Verwandter uvm.- nie wirklich aufgearbeitet hat. Deshalb ist er auch erst im Alter, vor ein paar Jahren, mal in eine handfeste Depression abgerutscht, konnte lange nicht aus dem Haus.

Was hast Du für Erkenntnisse oder für Wünsche aus diesen Erfahrungen gezogen, für den Umgang mit Kriegsflüchtlingen heute, hier, bei uns?
Das schreibe ich auch in meinem Blog: Die Menschen, die sich zu uns hier flüchten, brauchen unsere Wärme und Hilfe bei der Verarbeitung ihrer Traumata – sonst setzt sich das fort in die nächsten Generationen.

Nora, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Mehr im Netz
Wer Nora Hespers interessanten Blog lesen oder als Podcast hören will: www.die-anachronistin.de, hier u.a.: „#Mein Vater, der Kriegsflüchtling“
 


Wer hat das geschrieben?

Judith Levold und die Südstadt sind ein eingespieltes Team. Seit fast dreißig Jahren in Köln und seit fast ebenso langer Zeit im...

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