Hinter den Kulissen des Menschensinfonieorchesters

Mit „schwierigen Phasen“ haben sie Erfahrung im Menschensinfonieorchester (MSO). Gerade erleben die Mitglieder wieder eine solche. Das Orchester steckt in existenzbedrohenden finanziellen Schwierigkeiten. Und jetzt hat man dem MSO auch noch das Mischpult geklaut. „Wenn nichts passiert, kann es sein, dass wir im Frühjahr unsere Arbeit einstellen müssen“, warnt Orchesterleiter Alessandro Palmitessa. Und das während der Überlegungen, wie das Orchester sein 15-jährige Bestehen als bundesweit einzigartiges Projekt feiern möchte. Mit einem Konzert natürlich. Man steht in Verhandlungen mit dem Stadtgarten. „Die wollen professionelle Musik. Kein Problem, machen wir“, gibt sich Palmitessa selbstbewusst. Schließlich hat man schon die dritte CD - „11 Jahre Sinfonie“ - auf dem Markt. Für die hat man mit Klaus dem Geiger prominente Unterstützung gewonnen. Das MSO hat aber auch schon mit Markus Stockhausen und Brings gespielt. Und der Höhepunkt war der Auftritt beim Bürgerfest des Bundespräsidenten Joachim Gauck 2015. „Leider haben wir ihn nicht gesehen, aber es war eine tolle Erfahrung“, erinnert sich Palmitessa.

 

"Potenzial und Energie"

 

Zurück zur Musik: „Wir spielen keine bekannten Lieder. Wir spielen unsere Musik“, fasst der Orchesterleiter kurz zusammen. Was das heißt? „Wir sind sehr offen. Die Musik ist geprägt von den Menschen, die bei uns musizieren. Ein Beispiel: Wenn Conny Balladen singen möchte, spielen wir Balladen. Am wichtigsten sind die Authentizität und die Lust am Spielen.“ Das Orchester sei besser als vor fünf Jahren. Man versuche ständig, die Grenzen zu erweitern. „Wir proben jeden Donnerstag. Manche Stücke wiederholen wir tausend Mal. Das dauert dann ein Jahr. Wir müssen uns sicher sein. Wir brauchen unbedingt das Gefühl, dass alle das beherrschen“, sagt Palmitessa: „Wir haben Potenzial und Energie.“

 

Obdachlosigkeit spielt keine Rolle mehr

 

Das MSO wurde 2001 von Alessandro Palmitessa und Lutherkirchenpfarrer Hans Mörtter gegründet als Projekt für sowohl obdachlose Menschen als auch Menschen mit Wohnsitz. Doch Obdachlosigkeit spielt im Orchester eigentlich keine Rolle mehr. Mittlerweile steht die besonders ausgeprägte Inklusion im Mittelpunkt. Neben „normalen“ bürgerlichen Musikern spielen Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung oder mit Suchtproblemen mit. Darüber hinaus ist die Besetzung des MSO international. Einige Ethnien und Nationalitäten sind vertreten. Das Orchester ist „stabil“, betont Palmitessa. Die Personalwechsel seien nicht ausgeprägter als in anderen Big Bands. Alle zwei, drei Jahre schieden zwei, drei Musiker aus. Andere kämen hinzu. Über die Jahre habe sich die Orchestergröße auf 16 bis 18 Mitglieder eingependelt. Manche sind schon von Anfang an dabei. Der Orchesterleiter möchte, dass die Gruppe größer wird. „Vielleicht mit Musikern aus Aachen und Düsseldorf. Das müssen wir mal bewerben.“ Seinen Umgang mit den Orchestermitgliedern beschreibt er kurz und knapp: „Ich bin kein Sozialarbeiter. Meine Profession ist die Musik. Ich spreche mit ihnen wie mit Musikern. Ich will zeigen, dass Menschen mit schwierigen Hintergründen etwas leisten können.“

 

 

Weniger Konzerte, dafür bessere

 

Das A und O für ein Orchester sind Konzerte. Das ist beim MSO nicht anders. Palmitessa: „Wir suchen dringend gute und bezahlte Auftrittsmöglichkeiten. Auch um die Musiker zu motivieren.“ Etwa 200 Konzerte hat das Orchester seit der Gründung gegeben. Zwischen zehn und 15 pro Jahr. Ein großer Erfolg war der Auftritt vor kurzem in der ausverkauften Kulturkirche in Buchforst auf der anderen Rheinseite. „Wir möchten weniger Konzerte spielen, dafür aber bessere“, wünscht sich der Leiter. Ganz oben auf der Wunschliste des Orchesterleiters steht auch, endlich vom Feuilleton wahrgenommen zu werden. „Man sollte doch bitte schön einfach mal nur über unsere Musik berichten.“

 

Ausstellung in Räumen der Michael-Horbach-Stiftung

 

Einen Blick hinter die Kulissen des MSO haben die Fotografin Francesca Magistro und der Filmemacher Geremia Carrara geworfen. Was dabei herausgekommen ist, kann man derzeit in der Ausstellung mit dem Titel „Die Materie der Welt“ sehen. Die Fotos und Filme über die Orchestermitglieder privat werden in den Kunsträumen der Michael-Horbach-Stiftung präsentiert. Magistro und Carrara zeigen großformatige Fotos und Videosequenzen aus dem Alltag der Musiker. Sie haben Proben dokumentiert, die Musiker aber auch zu Hause besucht. Palmitessa hat sich herausgehalten. „Als Musiker mische ich mich nicht ein in das Privatleben der Orchestermitglieder. Ich möchte ganz bewusst bei den Proben immer bei Null anfangen.“ „Die Ausstellung soll mithelfen, dass das Orchester mehr Aufmerksamkeit bekommt und weiterspielen kann,“ wünscht sich Fotografin Francesca Magistro. Und damit wären wir wieder beim Geld.

 

Die Materie der Welt, Kunsträume der Michael-Horbach-Stiftung, Wormser Straße 23, noch bis zum 19. März. Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag von 15.30 Uhr bis 18.30 Uhr sowie sonntags von 11 Uhr bis 14 Uhr.

 

Menschensinfonieorchester, Spendenkonto: Konto SÜDSTADT-LEBEN e.V., bei der Bank für Kirche und Diakonie, IBAN: DE18 3506 0190 1013 4760 51
Stichwort: MSO Patenschaft

 

 


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Stefan Rahmann, lebt seit 35 Jahren in Köln, davon mehr als 32 in der Südstadt. Zuvor reifte er im Sauerland zum Anhänger der...

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