Missbrauch zum Schunkeln - Lüke liebes Leben

Ich hab´ ja schon öfter kundgetan, dass der Sommer nicht so mein Fall ist. Wie es aussieht, habe ich die 2017er Ausgabe nun auch überstanden. Eigentlich läuft gerade jetzt für mich der beste Monat des Jahres. Der dauert immer so von Mitte September bis Mitte Oktober. Manchmal ist er auch kürzer. April geht bisweilen auch richtig gut. Bei entsprechender Wetterlage mit Sonnenschein aber noch ohne Heißluft.



 

Glühwein im August



 

Meine Vorliebe für diese Wochen haben nicht nur, aber auch mit Alkohol zu tun. Im Sommer wird man ja immer recht viel zu Partys aller Art eingeladen. In bin zwar jetzt nicht das große Feierbiest, habe aber gegen einen abendlichen, zwanglosen Plausch in netter Gesellschaft selten etwas einzuwenden. Die Menschen sind in der Regel entspannt, freuen sich auf den Urlaub oder sind aus ihm gerade frohgemut zurück. Wenn die Wohnungen der Gastgeber auch noch Open-Air-Zonen in Form von Balkonen oder Gartenterrassen aufweisen – umso besser. Auch an den gereichten Speisen und Getränken gibt es selten etwas auszusetzen.


Nun gehöre ich zu den Menschen, die auch an lauen Sommerabenden einen guten Roten zu schätzen wissen. Damit bin ich zwar auf solchen Feierlichkeiten oft das einzige Mitglied dieser Randgruppe, aber das ein oder andere Fläschchen nach meinem Geschmack findet sich meist doch. Schmeckt aber eben nicht. Was nichts mit der Qualität des Tropfens zu tun hat sondern mit der leidigen Zimmertemperatur. Weil die netten Gastgeber zu den Menschen gehören, die irgendwann mal verinnerlicht haben, dass Rotwein auf keinen Fall in den Kühlschrank darf, weil er doch bei Zimmertemperatur getrunken gehört. Das weiß man doch. Und wenn die Zimmertemperatur an Sommerabenden locker bei 25° und drüber liegt, dann trinkt man den Wein eben so, wie es das Zimmer vorgibt. Klaro. Warum nicht gleich noch ein paar Gewürze reintun und das Ganze als Glühwein ausschenken?


Mit Verlaub: Als die Nummer mit der Zimmertemperatur aufkam, hatten wir noch einen Kaiser, der nicht Beckenbauer hieß, und Weintrinker lagerten ihre Vorräte Sommertags im Keller. Und im Winter wurde es in kaum isolierten und schlecht beheizbaren Stuben kaum wärmer als 16, 17°. Was so ziemlich der idealen Trinktemperatur für Rotweine entspricht.


Auf Partys bei guten Freunden ist das kein Problem. Stelle ich den Roten einfach kurz in die Kühlung und gut is.  Aber auf Gesellschaften, wo ich womöglich nur als Begleitung der Gattin geladen bin, stehe ich oft mit einem Glas Wasser blöd rum und beneide die Biertrinker. Klar, ich könnte zum Weißen greifen, der natürlich im Kühlschrank lagert, aber vielfach auf eine Temperatur bis kurz über dem Gefrierpunkt runtergekühlt ist. Nun könnte ich mir natürlich aus heißem Roten und frostigem Weißen einen leckeren Rosé, bzw. Rotling in Idealtemperatur mixen, aber sowas gehört sich ja nicht. Stünde ich glatt als Genuss-Banause am Pranger und meine holde Begleitung wäre schön blamiert.



Aber im Moment ist alles gut. Draußen herrschen ebenso wunderbare (Rotwein-)Temperaturen wie in der Wohnungen. Aber wenn die Leute im Oktober ihre Heizungen anwerfen und es daheim gern muckelig warm haben, ist dieser Wonnemonat in Sachen Zimmertemperatur auch schon wieder vorbei.



 

Total authentisch auf Malle

 



Wer auch froh ist, dass der Sommer durch ist, sind die Mallorquiner. Die Insel war in diesem Jahr voll wie nie. Weil viele andere Urlaubsziele wegen Erdogan und/oder Terrorgefahr nicht mehr so gehen, haben sich auch die Deutschen massenhaft nach Malle aufgemacht. Doch es sind nicht die klassischen Ballermann-Touris, von denen die Einheimischen so genervt sind. Die hat man im Griff. Die Urlaubshochburgen sind Enklaven, in die sich ein Spanier ohnehin nicht verläuft, so er dort nicht seine Brötchen verdienen muss. Auf der anderen Seite verlassen die Pauschalisten ihre Hotelanlagen so gut wie nie. All-Inklusive-Fan sowieso nicht.


Nein, was die Mallorquiner nervt, sind die vielen Urlauber, die über den Massentourismus die Nase rümpfen und auf der Suche nach dem total anderen Mallorca die Insel bevölkern. Und diese Individualisten steigen natürlich nicht in herkömmlichen Hotels ab, sondern finden es irre cool - Airbnb macht´s möglich -, in der Altstadt von Palma eine Wohnung zu mieten und für zwei Wochen Tür an Tür mit Einheimischen zu leben. Total authentisch, irgendwie. Mit der Folge, dass die Mieten explodieren und immer mehr Bewohner aus ihrer eigenen Stadt vertrieben werden.  Eine etwas andere Form der Gentrifizierung wie man sie aus der Südstadt kennt. Funktioniert aber genauso. Massenhaft auftretende Individualisten sind nicht unbedingt die bessere Masse.



 

Wer den Sommer allerdings so richtig dolle fand, sind die Ulrichs aus dem Hessischen. Die singenden Brüder mit den tollen Frisuren und atemberaubenden Klamotten haben im Juli eine neue CD rausgehauen und sind damit gleich an die Spitze der deutschen Charts geschossen. Und das zum achten Mal! Was weder Abba noch einem Michael Jackson vergönnt war. „Zauberland“ heißt die neue Scheibe der Amigos und klingt auch so. Die Lieder tragen Titel wie „Ein Boot, das Liebe heißt“, „Schneeweißer Adler“ oder „Du bist die Sonne der Nacht“. Doch hat man sich da genüsslich eingeschmust, erklingt zum Finale „Sie kam nie mehr zurück“.


In balladeskem Tempo knödelt der Bernd nach einem sehnsuchtsvollen Harmonika-Intro diese Zeilen: „Der Zug in Richtung Süden fuhr so oft ohne sie. Mit Tränen in den Augen denkt sie an die Melodie, die sie damals hörte, als es am schlimmsten war. Wie lange sie im Herzen blieb, war ihr noch nicht klar.“ Tränen, schlimm? Irgendwas ist da nicht optimal gelaufen. Der Refrain bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: „Sie kam nie mehr zurück. Hier in diese kleine Stadt, wo man ihr das Lächeln und ihren Stolz genommen hat. Sie war doch wie ein Engel, der durch tausend Höllen ging, weil ihr eigener Vater sich an ihr verging.“ Schluck. Hat er das jetzt wirklich gesungen? Hat er. Und am Ende des Liedes gibt der Bernd mit nun gänzlich brüchiger Stimme auch noch eine Art Bedienungsanleitung: „Dieses Lied soll all denen Mut machen, die missbraucht wurden, nicht mehr zu schweigen.“ Es darf geschunkelt werden.



Wobei der echte Amigos-Fan von dieser Perle des Songwritings keineswegs geschockt sein dürfte. Die Jungs hauen fast auf jeder Scheibe so eine total kritische Nummer raus. Wie beispielsweise „Der Schattenmann“. Eine Schlagerversion von „Es geschah am hellichten Tag“. Text gefällig? „Die kleine Joleen spielte vorm Elternhaus. Für einen Moment wollte sie noch einmal raus. Ein Kinderlachen, so herrlich und so reich. Es gibt nichts schöneres, als einmal Kind zu sein. Das kleine Mädchen, es war das große Glück. Und zwei Menschen dachten oft zurück.Wie schwer der Weg bis heute für sie war. Doch zum Glück war ihre kleine Joleen da.“ Durchschnaufen. Refrain: Aber dann, aber dann kam der Schattenmann. Er zerbrach eine Rose, die erst zu blühen begann. Aber dann, aber dann kam der Schattenmann. Niemand konnte es ihm verwehr'n, und schon wieder fehlt am Himmel ein Stern. Die Welt zerbrach in diesem Elternhaus. Mit der Verzweiflung zog auch der Glaube aus. Geballte Hände; doch das hilft jetzt nichts mehr. Deutschland, warum beschützt du uns nicht mehr?“ Keine weiteren Fragen.
 


Wer hat das geschrieben?

Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

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