Rauchen bei Starbucks - Lükes liebes Leben

Letzte Kolumne 2016. Das schreit nach Jahresrückblick, Bilanz ziehen oder so. Hab´ ich kein Talent für. Die letzten zwölf Monate beim Silvester-Feuerwerk nochmal aufarbeiten und gute Vorsätze fürs neue Jahr fassen? War noch nie so meins. Ich gehe ganz prosaisch davon aus, dass sich der 3. Januar auch nicht soviel anders anfühlen wird als der 30. Dezember. Irgendwie wie Alltag. Und der ist ja kompliziert genug.

Unlängst bat mich meine Gattin, Typ klassische Gelegenheitsraucherin, ihr doch vom Kiosk ein Päckchen Zigaretten mitzubringen. Da sie auch nicht so die Markentreue ist, fragte ich, was es denn, bitteschön, diesmal sein sollte. Dann kam irgendwas wie „L&M oder so“. Da ich weiß, dass die Dame immer schon Rauchwaren mit Filter bevorzugte, wäre das noch vor zehn Jahren ein klar umrissener Auftrag gewesen. Nun gut, früher, als Orient-Tabake hierzulande noch nicht verboten waren, hat sie sich von mir hin und wieder auch mal eine wunderbare, ovale, filterlose Finas anzünden lassen. Aber nun sah sie sich bei der Bestellung ihrer Filterzigaretten zu weiteren Details genötigt: „Normale Länge, keine Big Box, einfach die mit der blauen Schrift auf brauner Packung. Nicht die mit der roten.“ Alles klar. Hab´ dann kurz überlegt, ob ich sicherheitshalber für den Kauf eines schnöden Päckchens Zigaretten einen Einkaufszettel schreiben sollte, bin aber dann im Vertauen auf meine Merkfähigkeit doch ohne losgetrottet. Als ich dann im Kiosk vor der Auslage stand, wurde mir bewusst, dass so ein Kippen-Kauf inzwischen was von einer Kaffee-Order bei Starbucks hat. Das war doch früher einfacher. Zu meinen Kindertagen gab´s Zigarettenmarken mit oder ohne Filter. Nur Camel und Lucky fuhren meiner Erinnerung nach auch damals schon zweigleisig. Verschiedene Gebindegrößen existierten ebenfalls. Die Automaten-Packung mit zehn Zigaretten für eine (!) D-Mark, das 20er Päckchen und eine flache Geschenk-Box mit 50 Glimmstängeln, die aber praktisch immer nur kurz vor Weihnachten gekauft wurde, um sie Ehemann/Vater oder erwachsenem Sohn/Bruder auf den Gabentisch zu legen. Auch war es bei Feierlichkeiten, zu denen die Verwandtschaft geladen wurde, durchaus gang und gäbe, dass da eine wohl sortierte Auswahl gängiger Rauchwaren ausgelegt wurde. (Ginge ja heute, wo alle unbedingt gesund sterben wollen, gar nicht mehr. Schon wegen der Kosten.)

Indianer am Kiosk

Dann ging´s irgendwann (war´s in den 70ern?) damit los, dass traditionelle Puristen wie Rothändle, Reval und Overstolz plötzlich auch in Filter machten. Und selbst die Franzosen von Gauloises und Gitanes zogen da mit. War´s der der Trimm-Dich-Bewegung geschuldet oder wollte man sich eine weibliche Zielgruppe erschließen? Aber für die gab es ja dann wenig später die langen dünnen Stängel namens KIM (Werbeslogans: „Nur für Frauen“; „Für Männerhände viel zu chic“), die kein männlicher Raucher selbst unter schwerstem Entzug je in den Mund genommen hätte. Später hörte das weibliche Rauchen irgendwann auf das Etikett „light“, das lange Jahre ziemlich gut lief, bis es 2003 verboten wurde, weil die Wissenschaft es beinhart als irreführende Werbung enttarnt hatte. Woraufhin die durch stetige Steuererhöhungen gebeutelte Industrie die braunen Packungen erfand und zunehmend Indianer als Werbeträger einsetzte. „American Spirit“ und so. Braun steht dabei offenbar für irgendwie erdbezogen und weniger ungesund. Aber der Indianer? Dem geht’s ja heutzutage auch nicht so dolle. Vermutlich soll man da irgendwelche Assoziationen zu Winnetous Friedenspfeife entwickeln. Rauchen für den Frieden? Wenn es denn helfen würde...

Weihnachtsbraten vom Friedhof

Genug geraucht für heute. Berichte ich lieber noch von meiner diesjährigen Weihnachtsfeier. Waren ja in den vergangenen Jahren nicht so der Knaller. Als mich Anfang des Monats mein Bonner Provider auf seiner Startseite mal nicht mit dem Liebesleben von Mörtel Luger nervte, sondern „Tipps für eine gelungene Weihnachtsfeier“ offerierte, schöpfte ich Hoffnung, dass es diesmal besser werden könnte. Man solle „ruhig ein Gläschen trinken, das lockert die Stimmung“, stand dort zu lesen, aber keinesfalls dem Alkohol zu sehr zusprechen. Und beim entspannten Smalltalk gehörten Themen wie Krankheiten oder Politik tunlichst vermieden.

 

Unbedingt zu beachten gelte aber auch die Auswahl der angemessenen Garderobe, die feierlich aber „keinesfalls zu sexy“ ausfallen sollte. Ansonsten sei „gegen einen kleinen Flirt aber nichts zu sagen“. Derart gerüstet, schlüpfte ich am nämlichen Tag in eine dezente, dunkle Tuchhose, streifte mir einen bordeauxfarbenen Rollkragen-Pullover über, nahm mir vor, keinesfalls über Kim Jong-un, die AfD oder Hämorrhoiden zu reden und öffnete sicherheitshalber nur ein einziges Fläschchen vom Roten. Hat aber alles nichts gebracht. Ist trotzdem niemand gekommen. Nächstes Jahr schieß´ ich mich wieder in meinen Glitzerfummel, gröle politische Parolen und geb´ mir die Kante. Vielleicht sollte ich den Provider wechseln.


Und selbst? Alles klar für die anstehende Geburtsparty? Geschenke gekauft, beim Metzger des Vertrauens ein totes Tier vorbestellt? Kaninchen war schon aus? Da hätte ich noch einen Tipp zur Rettung des Weihnachtsbratens. Last Minute, sozusagen. Auf Kölner Friedhöfen, auch dem im Süden, ist ja derzeit samstags wieder wieder nix mit Totenruhe. Da wird scharf geschossen. Im Morgengrauen erlegen Jäger dort Karnickel. (Tragen die Waidmänner dabei Lodentracht und haben Hund und  Jagdhorn dabei?). Ich weiß jetzt nicht genau, ob das Wildbret anschließend in den freien Verkauf gelangt, aber man könnte ja zum Halali um 10 Uhr einfach mal am Friedhof vorbeischauen und fragen. Zugegeben, für Heilgabend wird’s jetzt was knapp. Aber frischer ist so ein Karnickel an diesem Samstag vermutlich nirgendwo zu bekommen.


Einmal auf dem Friedhof komme ich nicht umhin, zu gestehen, dass mir das große Sterben 2016 arg zugesetzt hat. Schon klar, das fortschreitende eigene Alter bringt es nunmal mit sich, dass Idole der Jugend so langsam das Zeitliche segnen. Über Leonhard Cohen (82) oder Götz George (77) will ich auch gar nicht meckern, aber David Bowie (69) ging schon arg früh und Prince (57) oder Colin „Black“ Vearncombe (53) waren beim heutigen Stand der Medizin nun wirklich noch nicht dran. Hinzu kommen Menschen, mit denen ich im Job mal mehr oder minder viel zu tun hatte: Maja Maranow (54), Miriam Pielhau (41), Jana Thiel (44) oder Roger Willemsen (60). Nehme ich jetzt noch mehrere Menschen in meinem privaten Umfeld, die unvermittelt aus dem Leben geschieden sind oder von beschissenen Krankheiten heimgesucht wurden, kann mir dieses 2016 echt gestohlen bleiben. Brauch´ ich definitiv nicht nochmal. Da muss ich ja geradezu dankbar sein, es überlebt zu haben. Aber wem?
 


Wer hat das geschrieben?

Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Auf Meine Südstadt gibt es Regeln für das Posten von Kommentaren. Wir behalten uns vor Beiträge zu löschen, wenn sie nicht den Richtlinen entsprechen. Du kannst die Richtlinien hier einsehen: Richtlinien
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.