„Das ist ein Zugehörigkeitsgefühl“


Menschen sehnen sich nach der großen Liebe, die ein Leben lang hält. Zusammen gehören, miteinander alt werden. Wenn sich zwei finden, denen es gelingt, ihre Liebe über viele Jahre hinweg lebendig zu halten, kann man sich nur für sie freuen. Josefine und Alois Froitzheim feierten soeben ihren 65-jährigen Hochzeitstag, die Eiserne Hochzeit. Meine Südstadt unterhielt sich mit den Jubilaren.


Meine Südstadt: Wie haben Sie sich kennengelernt?



Josefine Froitzheim: Das war 1946, nach dem Krieg. Als wir von Sachsen zurückkamen, sind wir in der Lützowstraße gelandet, in der die Familie meines Mannes wohnte. Damals hatten wir kein Wasser, es war alles noch zerbombt. Gegenüber konnten wir immer unser Wasser holen. So haben wir uns kennengelernt. Ich war fünfzehn, gerade aus der Schule und habe dann noch ein Pflichtjahr gemacht.


Wie hat es denn gefunkt zwischen Ihnen beiden?
Josefine Froitzheim: Das ging schnell. Wenn ich morgens zur Bahn ging, ich musste nach Klettenberg, weil da die Frau wohnte, in deren Haushalt ich war, stand er in der Tür und guckte, ob ich kam.


Er hatte also schon Feuer gefangen?    
Josefine Froitzheim: Ja, ich habe aber auch immer geguckt! Und dann ging das immer so weiter. Unser Sohn ist 1949 geboren, wir waren beide erst siebzehn. Seine Mutter hat ihm das Ja-Wort gegeben, das musste ja noch eingeholt werden.


Und dann hat er Ihnen einen Heiratsantrag gemacht?
Josefine Froitzheim: Er hat gesagt: „Wir heiraten und fertig.“

 

"Wir haben uns gefreut."


Zuvor hat er bei Ihrer Mutter um Ihre Hand angehalten?
Josefine Froitzheim: Nein, meine Schwester hatte auch einen Freund. Und mein Mann und sein Freund gingen zu meiner Mutter und haben gesagt: „Frau Knorr, wir zwei möchten uns gerne verloben.“ Meine Mutter hat geantwortet: „Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr zwei Euch verlobt.“ Er mit seinem Freund.“ (lacht) Aber das kam dann doch alles noch richtig. Er musste noch zur katholischen Männerfürsorge. Wo war die noch?


Alois Froitzheim: In der Annostraße.


Josefine Froitzheim: Da mussten wir hin und gerieten an eine richtige Zicke. Ich glaube, ich würde die heute noch erkennen. Die ist erst zu seiner Mutter, sein Vater war ja im Krieg geblieben, und die Mutter hatte einen Freund aufgenommen. Daran hat die sich gestört: drei Kinder und ein Freund. Meine Schwiegermutter hat sie gefragt: „Was hat das alles damit zu tun, dass mein Sohn heiraten möchte? Er ist doch reif genug, dass er heiraten kann.“ Inzwischen waren wir ja schon achtzehn. Dann ist die blöde Zicke zu meiner Mutter rüber und hat gesagt: „Frau Knorr, in diese Familie kann Ihre Tochter nicht heiraten.“ Deshalb ist das abgelehnt worden, und wir mussten warten, bis er einundzwanzig war. Wir hatten eine Doppel-Hochzeit, denn meine Schwester hat auch geheiratet. Unser Sohn war drei Jahre alt.


Alois Froitzheim: Er war der Trauzeuge.


Josefine Froitzheim: Wir hatten kein Geld, waren beide noch in der Lehre, aber es hat alles geklappt.


Stichwort geklappt: Wie gehen Sie mit Konflikten und Problemen um?
Josefine Froitzheim: Wer schon mal Konflikte macht, das bin ich. Mir passt nicht alles, und wenn mal Streit war, dann war ich schuld.


Aber kein schlimmer Streit?
Josefine Froitzheim: Ach was. Aber ich habe acht Tage nicht mehr gesprochen, ich war ein stures Weib.


Immerhin hat die Ehe trotzdem 65 Jahre gehalten! Hatten Sie denn die klassische Rollen-Verteilung: der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um Haushalt und Kinder?
Josefine Froitzheim: Mein Mann war zwanzig Jahre auf Montage, bis nach Nigeria. Ich habe mich erst mal um meinen Sohn gekümmert, die Schule war mir wichtig. Meine Eltern hatten schon darauf geachtet, dass wir immer ein gutes Zeugnis haben. Das wollte ich auch für meinen Sohn. Mit dreiundzwanzig hat der schon seinen Ingenieur gemacht. War ich auch schuld, weil ich so hinter ihm her war. Später war ich drei Tage die Woche an der Kasse im Kaufhof. Ich bin auch sehr gerne die einunddreißig Jahre dahin gegangen.

Wir haben uns alle gut verstanden und was mir gefehlt hat, als ich nachher zu Hause war, das war der Publikumsverkehr, die Kommunikation mit den Menschen. Es gibt auch Dinge, die man nie vergisst. Da hatte mal ein Ehepaar einen Sisal-Teppich gekauft, der kostete damals knapp hundert Mark. Der Mann legte mir das Geld hin, schrieb die Adresse auf für die Lieferung und ich gab seiner Frau eine Mark zurück. Der hat aufgehört zu schreiben und nahm die Mark an sich. So war das früher. Wer nur Hausfrau war, hatte nichts zu sagen.

 

"Ist das nicht schön?"


Was würden Sie Ehepaaren als Rat mit auf den Weg geben? Wie kann eine Ehe gelingen?
Josefine Froitzheim: Da kann man keinen Rat geben, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir haben uns gefreut, wenn er alle zwei Wochen da war und wir hatten immer ein sehr enges Verhältnis. Auch mit unserem Sohn. Aber ich denke, wenn ich das so höre: meistens gehen sie auseinander, wenn sie schon anfangen zu teilen. Das ist mir. Das ist dir. So fängt es an. Sie teilen sich die Miete, das ist ja auch richtig. Dann bezahlt aber einer nicht und der andere sagt: „Du musst mir noch halb Telefon oder das und dies bezahlen.“ In der Ehe geht das vielleicht anders, als wenn sie so zusammen leben. Ich finde, wenn man ein paar Jahre zusammen ist, kann man auch heiraten. Ich meine immer, das ist ein Zugehörigkeitsgefühl. So sehe ich das, ich bin ja bald sechsundachtzig, in mir, in uns steckt noch viel an alten Werten. Obwohl wir durch unseren Jungen immer wieder was Neues beigebracht kriegen.


Wenn man sich schon so lange kennt wie Sie beide, weiß man da nicht bereits im Voraus, was der andere denkt oder was er sagt?
Josefine Froitzheim: Der weiß immer, was ich sage. Er spricht ja wenig, hat immer schon wenig gesprochen. Dafür spreche ich mehr. Es passiert auch, dass ich morgens aufwache, im Bett liege und denke: „Eigentlich könnten wir jetzt frühstücken.“ Und dann sagt mein Mann: „Frau, lass uns frühstücken.“ Ist das nicht schön?


Sehr schön! Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute!



 


Wer hat das geschrieben?

Die Autorin, eigentlich waschechte Ruhrpöttlerin, fühlt sich seit vielen Jahren in der Südstadt zu Hause. Nach ihrem Studium der...

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